Nachricht

Ein Freund Eislingens


„Ich wußte nicht, daß auf dieser Welt ein Ort namens Eislingen existiert“, schrieb der indische Dichter Mangalesh Dabral 2016. Er war dorthin eingeladen worden, weil auf Vorschlag von Tina Stroheker eines seiner Gedichte in der gläsernen Vorderfront des Neuen Rathauses installiert war, „Die Stadt“. Tatsächlich machte er sich auf die lange Reise, und in seinem Tagebuch nannte er hinterher die Stadt mit Poetenweg und Kunstwerken auf den Kreisverkehrsinseln begeistert „einen Poesiegarten“. Und wer ihn im Herbst 2016 hier kennenlernte, hat Mangalesh Dabral nie mehr vergessen. Nun ist er im Alter von zweiundsiebzig Jahren in Delhi, wo er, ein Dorfjunge vom Fuße des Himalaya, fast sein ganzes Leben gewohnt hat, an Covid-19 gestorben.

Besuch in Eislingen von Mangalesh Dabral im Jahr 2016 (v.l.n.r. Tina Stroheker, Mangalesh Dabral  und sein Dolmentscher Divyaraj Amiya) BILDQUELLE: Dr. Philipp Braitinger
Besuch in Eislingen von Mangalesh Dabral im Jahr 2016
(v.l.n.r. Tina Stroheker, Mangalesh Dabral und sein Dolmentscher Divyaraj Amiya)

 
Mangalesh Dabral war ein polyglotter Schriftsteller. Er kannte europäische Städte wie Paris, Rotterdam, Zürich, Prag oder Ulm, ist aber auch in den USA und Japan gewesen. Doch seine berührendsten Gedichte sind wohl diejenigen, in denen er über seine Kindheit und seine Familie nachdenkt. In der öffentlichen Diskussion Indiens war er als Kritiker kapitalistischer Ungerechtigkeit und religiös-rassistischer Brutalität bekannt, scheute sich nicht, seine Stimme zu erheben.
 
Seine Lesung in der Lobby des Eislinger Neuen Rathauses war unvergleichlich. „Dieser liebenswerte und kluge Mann“, so sein Kollege Gerd Kolter, zog die Menschen in seinen Bann, mit seinen Versen und mit seiner Wanderung durch die deutsche Literaturgeschichte, in der er sich zuhause zu fühlen schien. An diesem Abend und bei seiner Lesung am Erich-Kästner-Gymnasium tags darauf durfte man erleben, wie Dichtung Menschen verbinden kann.
^
Hinweise
  • Startseite